Archäologische Funde
Im Vorfeld einer Neubebauung wird die Fläche des ehemaligen Altstadtquartiers seit März 2002 von einem Team unter Leitung von Sabine Sauer archäologisch untersucht. Zunächst konnten Zeugnisse aus dem letzten Krieg großflächig aufgedeckt werden. So liegt parallel zur Hymgasse am Rand der Grabungsfläche ein lang gestrecktes Bunkersystem, ein 22 Meter langer doppelter Panzergraben mit beidseitigen Druckluftschleusen. Mit Schrott verfüllte Bombenkrater und der Fund einer intakten englischen Fliegerbombe zeugen von der letzten alliierten Angriffswelle.
Die Überschneidung mehrer Jahrhunderte
Reste der Vorkriegsbebauung haben sich am Rand zur Brückstraße erhalten. Hier
wurden im 19. Jahrhundert Kamine und Schächte in ältere Keller des 17.
Jahrhunderts eingebaut. In der frühen Neuzeit, spätestens ab der Mitte des 17.
Jahrhunderts war das Gelände zweigeteilt.
Die Immunitätsmauer der Sepulchrinerinnen
wiederentdeckt
Im Nördlichen Teil der Platzfläche hatten sich 1654 die Sepulchrinerinnen
angesiedelt und ihr Klosterareal mit einer stabilen Immunitätsmauer umfasst.
Die Fundamente dieser Mauer wurden, wie bei Neusser Klosterbauten üblich, aus
Sparsamkeit nur in Bogenform ausgeführt. Die Grabung erstreckt sich bislang nur
auf das Gartenareal der Sepulchrinerinnen. Die Klostergebäude und die Kirche
liegen weiter nördlich unter der Platzfläche und sollen später in einer
zweiten Kampagne ausgegraben werden.
Dokumente klösterlichen Schaffens
Innerhalb des Gartenareals konnte ein runder Kuppelbackofen aufgedeckt werden.
Seitlich dieses Ofens fand sich ein Model, das zur Herstellung von Hostien
gedient hat. Das runde neun Zentimeter große Model zeigt im Negativ eine
Darstellung des Abendmahls.
Beim Bau der Südostecke der Immunitätsmauer störte offensichtlich ein
älterer Keller, dessen Treppe teilweise ausgebrochen wurde. Der Keller aus
Tuffen, Kieseln und kleinen Basalten gefertigt, datiert in das 12./13.
Jahrhundert und ist offensichtlich infolge der großflächigen Zerstörungen
nach dem Stadtbrand im truchseßischen Krieges 1586 mit Dachziegelschutt und
Hausrat verfüllt worden. Aus diesem Bereich werden zur Zeit (Juli 2002) große
Mengen an Keramik aus der Zeit kurz vor 1600 geborgen.
Die Neusser Infrastruktur im 17. Jahrhundert
Außerhalb der Immunitätsmauer schloss sich in südlicher Richtung eine rund
vier Meter breite mit Kies gepflasterte Straße an, die das Klosterareal von der
südlich angrenzenden, kleinteiligen Wohnbebauung trennte. Diese Straße ist
allerdings jüngeren Ursprungs und erst im Zuge der Parzellierung des
Klosterareals im 17. Jahrhundert entstanden. Beim Tiefergehen im Straßenbereich
konnte ein Ofen des 15. Jahrhunderts freigelegt werden, der zeigt, dass hier im
Mittelalter keine öffentliche Verkehrsfläche war.
Im südlich an diese Straße angrenzenden Areal lassen sich die Reste der
mittelalterlichen Besiedlung erkennen. Der bisher älteste Fund von Neuss wurde
hier entdeckt. Zur Brückstraße hin standen die bereits im 12./13. Jahrhundert
unterkellerten Wohn- und Lagerhäuser. An der Rückseite schlossen sich lang
gestreckt Hofparzellen an, die teilweise überbaut waren. So ließ sich im
Originalbefund der Boden einer Kochnische mit Herdstelle aus dem 13. Jahrhundert
freilegen. Seitlich der Herdstelle war ein großes Vorratsgefäß, eine so
genannte Elmpter Amphore in den Boden eingetieft worden und noch insitu
erhalten.
Eine weitere Ofenstelle, die allerdings nicht zum Kochen, sondern handwerklich
genutzt wurde, fand sich am südlichen Rand der Grabungsfläche; dieser Befund
aus dem 10./11. Jahrhundert gehört zu den bislang ältesten, mittelalterlichen
Befunden in Neuss.
Der bisher älteste Fund von Neuss wurde hier
entdeckt
Zur Brückstraße hin standen die bereits im 12./13. Jahrhundert
unterkellerten Wohn- und Lagerhäuser. An der Rückseite schlossen sich lang
gestreckt Hofparzellen an, die teilweise überbaut waren. So ließ sich im
Originalbefund der Boden einer Kochnische mit Herdstelle aus dem 13. Jahrhundert
freilegen. Seitlich der Herdstelle war ein großes Vorratsgefäß, eine so
genannte Elmpter Amphore in den Boden eingetieft worden und noch insitu
erhalten. Eine weitere Ofenstelle, die allerdings nicht zum Kochen, sondern
handwerklich genutzt wurde, fand sich am südlichen Rand der Grabungsfläche;
dieser Befund aus dem 10./11. Jahrhundert gehört zu den bislang ältesten,
mittelalterlichen Befunden in Neuss.
Der Bahnhof als archäologische Fundgrube
Eine außerordentliche Bedeutung gewinnt die Grabung auf dem Omnibusbahnhof
durch das massenhafte Auftreten von keramischem Fundmaterial aus der Zeit
zwischen dem späten 9. und dem 11. Jahrhundert. Ab einer Tiefe von rund 1,2
Metern unter der Oberfläche fanden sich auf der gesamten Fläche
Bodenschichten, die stark mit Scherben von Badorfer Reliefbandamphoren und
Pingsdorfer Gefäßen durchsetzt waren. Eine solche Fundkonzentration ist
bislang einzigartig für das Neusser Stadtgebiet und wirft ein erstes Licht auf
die Anfänge der mittelalterlichen Händlersiedlung.
Funde aus der Spätantike und der fränkischen Zeit fehlen bislang; auch das 8. und< 9. Jahrhundert ist in den Keramikspektren nur dünn vertreten, obwohl Neuss in den historischen Quellen bereits 877 als königliche Zollstelle erwähnt wird. Doch war die Händlersiedlung der damaligen Zeit offensichtlich noch nicht entwickelt.
Neuss als Handelszentrum
Zu einer explosionsartigen Entwicklung der Händlersiedlung kommt es nach
Ausweis der Keramik erst zum Ende des 9. Jahrhunderts und zu Beginn des 10.
Jahrhunderts - also nach den Normannenstürmen. Aus der Chronik des Regino von
Prüm wissen wir, dass Neuss, ein befestigter Ort, ein castellum, mit anderen
rheinischen Städten im Jahr 881 zerstört wurde. In der Folgezeit war Neuss
offensichtlich Nutznießer dieser Normanneneinfälle, die auch die großen
Handelsemporien im Rhein/Maasmündungsgebiet nicht verschont hatten. Dort brach
nach wiederholten Normannenstürmen der Handel zusammen. Nach der Befriedung und
Stabilisierung der Rheinlinie in den neunziger Jahren des 9. Jahrhunderts
scheinen sich die Handelsströme und -niederlassungen auch den weiterhin
unruhigen, küstennahen Gebieten in die Rheinschiene verlagert zu haben. Neuss
hat von diesen Vorgängen profitiert.
Besondere Fundstücke
Das bisherige Fundmaterial zeigt schon einige ausstellungswürdige
Besonderheiten. So fanden sich unter den hochmittelalterlichen Keramiken des
10./11. Jahrhunderts auch einige Stücke mit einer opaken, gelben Glasur, die
für diese frühe Zeitstellung außergewöhnlich ist. Hier handelt es sich um
hochwertige Importe aus dem maasländischen Andenne. Aus dem Hochmittelalter und
Spätmittelalter liegt ein Sortiment von Spinnwirteln vor. Diese platt
gedrückten, durchlochten Kugeln wurden auf einen Stab gesteckt und unter
kreisenden Bewegungen zum Spinnen von Flachs und Wolle benutzt.
Ebenfalls der Textilverarbeitung zuzuordnen ist ein runder, einseitig
abgeflachter Brocken aus Glasfluss aus dem 11. Jahrhundert. Mit solchen
Glättsteinen wurde die Oberfläche von Textilien nach dem Weben geglättet.
Unter einer Glutglocke aus dem 12. Jahrhundert wurde über Nacht die Herdglut
geschützt.
Eine Besonderheit sind die Bruchstücke von einem Pilgerhorn, auch Aachhorn
genannt, aus dem späten Mittelalter. Wenn am Ziel der Pilgerfahrt die heiligen
Reliquien dem Volk gezeigt wurden, bedankten sich die Pilger mit einem
ohrenbetäubenden Lärm, indem sie mit Keramikhörnern tröteten.
Die neu aufgedeckten Befunde erlauben detaillierte Erkenntnisse über den
mittelalterlichen Aus- und Umbau der Neusser Stadtmauer. Wie in anderen
rheinischen Städten musste auch in Neuss der Verteidigungsring jeweils den
neuesten militärischen Herausforderungen und Belagerungstechniken angepasst
werden.
Entsprechend der antiken Geländemorphologie fallen die römischen
Siedlungsschichten vom Nordrand der Grabung in südliche Richtung auf einer
Strecke von rund 30 Meter um mehr als einen Meter ab. Die untersten
Siedlungshorizonte des ersten Jahrhunderts bestehen nur aus verziegelten oder
verkohlten Lehmbändern und dazwischen gelagerten Auftragsschichten aus Lehm;
dies sind Zeugnisse von Fachwerkbauten, die auf einfachen Holzschwellen
errichtet und nach Brandkatastrophen wieder einplaniert wurden. Aus dem zweiten
Jahrhundert stammen einige Fundamentreste, die aus Ziegelbruch, Kieseln,
Tuffbrocken und wenig Mörtel zu einem unregelmäßigen Gußmauerwerk
verarbeitet wurden. Die beiden Fachwerkbauten des zweiten Jahrhunderts waren
bereits steinfundamentiert und damit gegen die aufsteigende Feuchtigkeit aus dem
Boden geschützt. In der Orientierung wichen die römischen Bauten vom heutigen
Stadtgrundriss ab, da sie sich an der römischen Hauptverkehrsader, der heutigen
Oberstraße orientierten. Diese Bauten wurden in der ersten Hälfte des dritten
Jahrhunderts einplaniert, vermutlich waren sie abgebrannt. In die planierte
Fläche wurden nun die Fundamente eines für den vicus Novaesium
außergewöhnlichen Großgebäudes entdeckt. Das steinerne Haus konnte trotz
zahlreicher Störungen durch die späteren Bauten des Sepulchrinerinnenklosters
und Hospitals auf einer Fläche (rot) von rund 200 qm festgestellt werden. In
der Breite misst es zehn Meter, in der Längsausdehnung konnten bislang knapp 20
Meter festgestellt werden.
Das Gebäude erstreckt sich noch weiter unter die nördlich angrenzende Platzfläche. Im Gegensatz zu den Fachwerkständerbauten des zweiten Jahrhunderts ist das Gebäude aufwendig fundamentiert. In der Fundamentgrube wurden zunächst Schieferplatten verkippt, darauf errichtete man das eigentliche Fundament aus regelmäßigen Reihen beschlagender Schieferstücke in einer Kalkmörtelbindung. Stellenweise hat sich das aufgehende, obertägig sichtbare Mauerwerk erhalten. Es besteht aus regelmäßigen gesägten Tuffsteinen, die mit schmalen Fugen vermauert sind. Das Tuffmaterial stammt aus der Gegend um Mayen in der Eifel, wo im Brohltal in römischer Zeit große Steinbrüche betrieben wurden.
Das Material wurde über die römische Schiffsanlegestelle in Andernach an den Niederrhein verschifft. In der Nähe von Andernach wurden in römischer Zeit auch Schiffsteinbrüche ausgebeutet. Es ist also denkbar, dass auch das Fundamentmaterial aus der Eifel stammt. An drei Seiten des Gebäudes wurden Reste kleinerer Anbauten festgestellt. Wobei in zweien noch Teile eines Fußbodenestrichs erhalten sind. Die Böden dieser Anbauten liegen rund 40 cm tiefer als der eigentliche Laufhorizont des Gebäudes. Sie werden als Befeuerungsräume einer Heizung gedient haben. Die Suche nach den typischen Hypokaustanlagen (ein Kriechkeller abgestützt durch einzelne Ziegelpfeiler, zwischen denen sich die erwärmte Luft unter den Räumen verbreiten konnte) blieb bislang erfolglos. Stattdessen konnte unter dem Gebäude ein einzelner aus Tegulaziegeln errichteter Heizkanal festgestellt werden. Wie der Fund von sogenannten Tubulaturziegeln zeigt, wurde die heiße Luft über Hohlziegel der Wände nach oben abgeleitet. Der Verzicht auf eine großflächige Fußbodenheizung hat sicher mit der Zeitstellung des Gebäudes zu tun. Im dritten Jahrhundert waren im Umland von Novaesium durch die intensive Landwirtschaft die Wälder verschwunden, so dass Holz nicht mehr so leicht zu beschaffen war. Es ist fraglich, ob man die Unmengen von Holz, die zum Betrieb einer großflächigen Hypokausstenanlage notwendig sind, hätte vorhalten können. Ähnliche, vereinfachte Heizsysteme lassen sich auch in den Gutshäusern des dritten Jahrhunderts, wie etwa in der villa rustica von Bingen Kempten nachweisen. Bislang ungeklärt ist die Frage, welchen Zweck das Gebäude erfüllte. Schon die aufwendige Materialbeschaffung lässt vermuten, dass es sich hier um ein öffentliches Gebäude und nicht um ein Privathaus handelt. Magistrats- und andere Verwaltungsgebäude dürften im vicus von Novaesium aber gefehlt haben, da ein vicus im Vergleich zu einem municipium keine eigenständige Rechtsposition und daher auch keine Verwaltung hatte.
Archäologische Parallelen von vici sind am Niederrhein spärlich. Nur von dem im bereits 19. Jahrhundert ergrabene vicus Belgica in Euskirchen-Billig ist bislang ein detaillierter Dorfgrundriss bekannt. Dort reihten sich, wie auch für Neuss durch Grabungen an der Münze bestätigt, die typischen, langen, schmalen, giebelständigen Streifenhäuser entlang der Hauptverkehrsstraße. An Straßenkreuzungen oder gegenüber von Einmündungen, ließen sich in Belgica aber vier größerer, aufwendiger gestaltete Gebäude feststellen, die mit der Längsseite zum Hauptstraßenzug ausgerichtet waren. Diese Gebäude werden in Belgica als Basar oder Raststation interpretiert. Das Neusser Gebäude liegt nicht unmittelbar am römischen Hauptstraßenzug, sonder quer vor dem Ende eines Stichweges, der von der römischen Hauptstraße im rechten Winkel abbog. Dieser Stichweg konnte bereits in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei Grabungen nachgewiesen werden. Möchte man sich der Interpretation von Belgica anschließen, so steht man vor der Frage ob das Neusser Gebäude eher als Basar oder Raststation anzusprechen ist. Gegen die Interpretation als Basar spricht die Beheizbarkeit, solch ein Aufwand wurde für Verkaufsräume nicht betrieben. Die Interpretation als Raststation ist also wahrscheinlicher. Vielleicht lassen sich bei den stichprobenmäßig geplanten Untersuchungen im Bereich unter den Platanen im Herbst noch einige Anhaltspunkte gewinnen. Das Gebäude wurde in der Spätantike aufgelassen. Hinweise auf eine gewaltsame Zerstörung fehlen. Im frühen Mittelalter diente das Gebäude als Steinbruch, wie zahlreiche Scherbenfunde aus dem neunten Jahrhundert in Ausbruchsgruben belegen. Offensichtlich wurden die Steine bei der Fundamentierung des ältesten Vorgängerbaus von St. Quirin benutzt. Schon Hugo Borger hatte bei seinen archäologischen Beobachtungen 1964 bei Bau des Heizkanals quer durch St. Quirin festgestellt, dass das Tuffmaterial, das beim erste karolingischen Kirchenbau verbaut wurde, wiederverwendet war, da ihm Kalkmörtelreste anhafteten. Entlang der Brückstraße, wo schon im Grabungsfeld 1 zahlreiche Keller angetroffen wurden, konnten zwei weitere hochmittelalterliche und zwei spätmittelalterliche Keller ausgenommen werden. Die Keller liegen unter dem Garten des 1654 gegründeten Sepulchrinerinnenklosters. Sie wurden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit Bauschutt und Hausrat verfüllt. Darin fanden sich hochwertiges Steinzeug, mehr als ein Dutzend Spinnwirtel und auch zahlreiche Bronzefingerhüte aus Nürnberger Fabrikation. Auslöser dieser großflächigen Verfüllung war offensichtlich der systematische Ankauf des Areals durch die Zisterzienserabtei Kamp. Diese besaß seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert auf der gegenüberliegenden Seite der Brückstraße eine Kurie mit Kapelle, die dem Mutterhaus entsprechend Kamper Hof genannt wurde. Hier konnten in der Stadt die landwirtschaftlichen Produkte der abseits gelegenen Zisterzienserabtei verkauft werden.